Ökonomenstimmen zum erneuten Anstieg des Ifo-Geschäftsklimas
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im September trotz hoher Energiepreise verbessert. Das Ifo-Geschäftsklima stieg um 1,1 Punkte auf 89,9 Punkte, wie das Münchner Forschungsinstitut in München mitteilte. Das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer zeigt damit den fünften Monat in Folge nach oben und erreichte den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren. Gestützt wurde der Indikator jeweils durch gestiegene Erwartungen an künftige Geschäfte und eine bessere Einschätzung der aktuellen Lage.
Einschätzungen von Ökonomen im Überblick:
Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank
"Offenbar haben die Unternehmen den jüngsten massiven Anstieg der Energiepreise abgeschüttelt. Die deutsche Wirtschaft ist widerstandsfähiger als gedacht. Allerdings zeichnet sich trotzdem nur eine moderate Erholung ab. Denn wegen der fehlenden durchgreifenden Reformen verbessert sich die geschundene Standortqualität nicht entscheidend, weshalb die Unternehmen sich mit Investitionen hierzulande weiter zurückhalten dürften. Außerdem leidet der Export unter dem schwachen China-Geschäft und Trumps Zöllen."
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank
"Die deutsche Konjunktur erweist sich als widerstandsfähig gegen politische Ereignisse und hohe Ölpreise. Eine kräftige Weltkonjunktur und eine Erholung in den Dienstleistungssektoren sind die Hauptursachen. Der Sommer war wegen Hitze und Trockenheit schwierig, die Produktionsausfälle sollten jedoch im vierten Quartal aufgeholt werden. Die Wirtschaftsreformen sind mittlerweile so weit zerredet, dass sie als Stimmungsaufheller nicht mehr viel taugen. Die Unternehmen passen sich eher an die Realität an, und die ist gemischt: Eine kräftige Weltwirtschaft beschert neue Aufträge, aber hohe Bürokratie-, Energie- und weiter steigende Arbeitskosten behindern ein Durchstarten der Wirtschaft in Deutschland."
Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank
"Die Konjunktur holt damit neuen Schwung. Ein BIP-Wachstum von über einem Prozent im laufenden Jahr ist damit sehr wahrscheinlich geworden. Die Hoffnungen beruhen nun auf einem sich selbsttragenden Aufschwung. Eine steigende Produktion zieht Ersatz- oder Erweiterungsinvestitionen nach sich. Wäre dies der Fall, könnte das stärkere Wachstum über einen längeren Zeitraum anhalten."
Robin Winkler, Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank
"Investoren blicken dieser Tage auf ein gemischtes Bild: wirtschaftliches Aufrappeln einerseits, politische Fragezeichen andererseits. Besonders wichtig sind daher die ersten Anzeichen, dass die anziehende Industriekonjunktur mit gut gefüllten Auftragsbüchern und steigender Kapazitätsauslastung bald auch zu einer Erholung am Arbeitsmarkt führen dürfte."
Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz
"Neben deutlich steigenden Exporten nennen die Unternehmen vor allem Investitionen als Treiber. Dazu gehören die staatlichen Infrastruktur- und Verteidigungsprogramme, vor allem aber der globale Ausbau von Rechenzentren: Die starke KI-Hardware-Nachfrage stützt europäische Anbieter von Stromverteilung, Kühlung und Automatisierung. Noch ist der Aufschwung jedoch nicht selbsttragend. Die neuen Impulse stammen zu einem erheblichen Teil vom Staat und aus wenigen globalen Investitionsfeldern."
Claus Niegsch, Analyst bei der DZ Bank
"Die Stimmung in den Unternehmen ist besser als vor Beginn des Nahost-Konflikts. Weder die zuletzt stark gestiegenen Öl-, Gas- und Treibstoffpreise noch die jüngsten Wahlergebnisse trübten die Zuversicht der deutschen Unternehmen. Selbst die Sorge vor aufgeweichten Reformen der Bundesregierung dämpfte den Optimismus nicht. Stattdessen ruhen die Hoffnungen der Unternehmen zunehmend auf ersten positiven Effekten der staatlichen Fiskalpakete."
Klaus Bauknecht, Analyst bei der IKB Deutsche Industriebank
"Ob die weitere Konjunkturerholung ausreichend kräftig ausfallen wird, damit Investitionen zu einem Wachstumstreiber werden, bleibt abzuwarten. Auch ist die Aufhellung des Ifo-Geschäftsklimas bisher eher zyklisch als strukturell getrieben. Prognosen für 2027 bleiben somit mit erhöhtem Risiko behaftet und von globalen Annahmen getrieben. Mit steigenden Zinsen und weiterhin hohen Ölpreisen bleibt das Prognoserisiko für nächstes Jahr hoch."
Jens-Oliver Niklasch, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg
"Der Anstieg passt in ein Konjunkturbild, welches sich zunehmend aufhellt. Der Auftragsbestand hat in den letzten Monaten deutlich zugelegt, und das macht sich jetzt auch stärker bei den befragten Unternehmen in der Breite bemerkbar. (...) Aber Obacht! Auch aus verschleppten Reformen kann für Deutschland ein Konjunkturrisiko entstehen. Die Standortqualität muss jetzt, in einer Phase des beginnenden Aufschwungs, verbessert werden, sonst wird es wieder nichts mit einer nachhaltigen Erholung."
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