EU-Staaten segnen neue Russland-Sanktionen final ab / 21. Sanktionspaket wurde formell verabschiedet - Kompromiss zu LNG und Ölpreisdeckel erzielt - EU-Kommission soll Vorschlag zu Lösung für RBI machen
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Die EU-Staaten haben Donnerstagnachmittag in Brüssel die nach zähen Verhandlungen erzielte Einigung der EU-Botschafter auf das 21. Sanktionspaket gegen Russland formell abgesegnet. Es ist das größte seit vier Jahren. Nach dem Vorschlag für die neuen Sanktionen letzten Monat hatten mehrere Mitgliedstaaten Einspruch erhoben, darunter Österreich wegen der Raiffeisenbank International (RBI). Dazu wird nun ein Vorschlag ausgearbeitet. Der Ölpreisdeckel wird um ein Jahr verlängert.
Österreich hatte laut Ratskreisen trotz seiner Forderung nach einer rechtlichen Regelung im Hinblick auf die Geschäfte der RBI in Russland kein Veto eingelegt, da es Zugeständnisse gegeben habe. "Österreich fordert seit langer Zeit eine Lösung für das Problem der doppelten Bereicherung. Der Rat hat nun die Kommission beauftragt, dazu einen Vorschlag vorzulegen, damit so bald wie möglich eine entsprechende Lösung beschlossen wird", hieß es aus dem Bundeskanzleramt gegenüber der APA.
Die RBI wollte die heute beschlossene Lösung auf APA-Anfrage nicht direkt kommentieren. Generell verfolge der neue RBI-Chef Michael Höllerer aber zwei Ziele im Hinblick auf Russland: "die Unterstützung der Ukraine und den Exit aus Russland. Eine Lösung des Rasperia-Falls im Rahmen der Sanktionsverordnungen würde dabei helfen, diese Ziele zu erreichen." Hintergrund der österreichischen Forderung war die Forderung der RBI, dass sanktionsrechtlich eingefrorene Aktien des österreichischen Baukonzerns Strabag im Wert von rund zwei Milliarden Euro, die derzeit im Besitz der russischen Firma Rasperia sind, freigegeben werden sollen.
Kommission soll Frage "doppelter Bereicherung" prüfen
Dann sollten sie an die RBI übertragen werden. Österreich argumentierte laut Ratskreisen, dass es eine doppelte Bereicherung des russischen Oligarchen Oleg Deripaska verhindern wolle. Österreich würde von der EU eine Ausnahmeregelung im Sanktionspaket fordern, die es einer Behörde ermöglichen würde, in den Besitz der eingefrorenen Aktien zu gelangen, erklärte ein zuständiger EU-Beamter am Donnerstag in Brüssel. Der Rat habe sich darauf geeinigt, diese Frage "innerhalb kurzer Zeit zu prüfen".
Die EU-Kommission solle nun untersuchen, ob dies der einzige Fall sei, in dem eine solche doppelte Bereicherung auftreten könnte, und ob es weitere Fälle gebe. Sie solle dem Rat in zwei bis drei Monaten einen Bericht dazu vorlegen, um anschließend über die weitere Vorgehensweise zu beraten. Der Beamte betonte, es sei noch nichts entschieden worden, aber der Gedanke sei, "dass wir eine Lösung für diese Fälle finden müssen". Die Mitgliedstaaten würden wissen wollen, ob dies ein spezifischer Einzelfall sei oder ob es mehrere Fälle dieser Art gebe.
Griechenland gab Blockade auf
Zuletzt spießte es sich laut Ratskreisen an Griechenland, das Beschränkungen seiner Schifffahrt und das geplante Verbot für den Transit von russischem Flüssiggas (LNG) ablehnte. Hier wurde laut Ratskreisen ein Kompromiss erzielt: Eine begrenzte Ausnahmeregelung betrifft die Lieferung von LNG in Drittländer (sowie damit verbundene Käufe) im Rahmen von Verträgen, die vor dem 24. Februar 2022 geschlossen wurden. Eine Ausweitung dieser Lieferungen durch EU-Betreiber soll eingeschränkt werden. Der Rat will die Ausnahmeregelung jährlich überprüfen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Antonio Costa begrüßten die Einigung auf X. "Zu einem Zeitpunkt, an dem die Ukraine militärisch an Schwung gewonnen hat, schwächen unsere Sanktionen weiterhin die wirtschaftlichen Grundlagen der russischen Kriegsanstrengungen", erklärte von der Leyen. Zum ersten Mal würden Schiffe ins Visier genommen, die Russlands Schattenflotte unterstützten. Sie dankte der irischen Ratspräsidentschaft für die Vermittlung dieser Vereinbarung. "Unsere Unterstützung für die Ukraine und für einen gerechten und nachhaltigen Frieden bleibt unerschütterlich", so Costa.
Kallas: Größtes Sanktionspaket seit vier Jahren
Dies sei das größte Sanktionspaket seit vier Jahren mit insgesamt 218 Einträgen, erklärte EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas auf X: "Wir treffen Putin dort, wo es am meisten wehtut: Wir unterbrechen die finanziellen Lebensadern, auf die er angewiesen ist, um seinen Krieg fortzuführen." Die Estin ist eine der schärfsten Kritikerinnen des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Das neue Paket umfasse "weitreichende Maßnahmen, die auf das Finanzsystem Moskaus, seinen militärisch-industriellen Komplex und den Energiesektor abzielen - also genau jene Bereiche, die Russlands Kriegswirtschaft am Laufen halten".
"Wir haben mehr als hundert Banken und Krypto-Anbieter, über 40 Schiffe der Schattenflotte sowie mehrere Ölraffinerien in Russland und Weißrussland ins Visier genommen, die dazu beitragen, Moskaus Krieg am Laufen zu halten", so Kallas. "Als Reaktion auf Russlands unerbittliche Angriffe auf Zivilisten, Infrastruktur und Kulturerbe" würden mehr als 50 Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes auf die Sanktionsliste gesetzt. Kallas kündigte an, das dies "noch nicht das Ende der Sanktionen" sei: "Wir arbeiten bereits an den nächsten Schritten. Die EU muss bereit sein, auf jede weitere Eskalation seitens Russlands zu reagieren."
Ölpreisdeckel wird um ein Jahr verlängert
Auch der Ölpreisdeckel wird um ein Jahr verlängert: Der Preisdeckel wurde vorige Woche bis 23. Juli auf dem aktuellen Niveau eingefroren, um ein Ansteigen zu verhindern. Die EU hatte einen dynamischen Ölpreisdeckel eingerichtet, um den Höchstpreis für russisches Öl auch bei Preisschwankungen unter dem Weltmarktpreis zu halten. Angesichts der steigenden Ölpreise infolge des Iran-Kriegs will die EU diese Anpassung aussetzen, um eine Erhöhung der Preisobergrenze von derzeit rund 44 Dollar (rund 38 Euro) pro Barrel russisches Rohöl zu vermeiden.
Das Paket enthält laut Ratsangaben die höchste Anzahl einzelner Einträge aller Pakete der letzten vier Jahre. Weitere Schiffen der "Schattenflotte" und von Personen, die deren Aktivitäten ermöglichen, sollen sanktioniert werden. Das Paket sieht vor, die notwendigen Maßnahmen zur Einschränkung der Visaerteilung für russische ehemalige Kämpfer voranzutreiben. Es enthält zudem neue Handelsbeschränkungen, die die russische Rüstungsindustrie weiter einschränken. Zusätzliche Metalle und Legierungen würden mit Einfuhrverboten belegt. Auch Drohnen sind betroffen.
Sanktionen gegen Banken und Kryptoplattformen
Es umfasst weitreichende Beschränkungen und Transaktionsverbote, die auf den russischen Finanzsektor abzielen, sowie neue Maßnahmen gegen Kryptowährungen. Mit einem Transaktionsverbot belegt und vom SWIFT-Zahlungsdienstsystem abgeschnitten sollen mit dem neuen Paket über 30 weitere russische Banken werden. Auch Banken und Krypto-Plattformen, die mit sanktionierten russischen Unternehmen und Einzelpersonen gearbeitet oder EU-Maßnahmen umgangen haben, sind auf der Liste.
Einigung auch ohne Orban nicht leicht
Weitere Länder hatten während der wochenlangen Verhandlungen blockiert: Bulgarien hatte sich gegen die Aufnahme des russischen Patriarchen Kyrill auf die Sanktionsliste gewehrt, und dies laut dpa auch erreicht. EU-Diplomaten zufolge stellten sich Deutschland und Portugal gegen Einfuhrverbote von Alaska-Seelachs und Kabeljau aus Russland, was nun auch von der Liste genommen wurde. Dies zeigt: Trotz der Abwahl des ungarischen Premiers Viktor Orban, der zahlreiche Ukraine-Beschlüsse der EU blockiert hatte, ist eine Einigung der 27 nicht ausgemachte Sache.
SPÖ-EU-Delegationsleiter Andreas Schieder begrüßt das 21. Sanktionspaket, aber: "Wieder einmal hat es viel zu lange gedauert, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Wir können uns ein solches Tauziehen um Partikularinteressen schlichtweg nicht leisten. In diesem Fall hat das österreichische Ringen um RBI-Interessen dem Prozess enorm geschadet. Jede innereuropäische Uneinigkeit, die geschlossenes europäisches Handeln verhindert, spielt Putin in die Hand. Österreich darf hier nicht das Zünglein an der Waage sein. Die vielen Einzelinteressen der Mitgliedsstaaten sind unsere Achillesferse und Russland zögert nicht, diese zu durchtrennen."
"Dieser Krieg dauert mittlerweile seit mehr als vier Jahren. Wer glaubt, ausgerechnet das 21. Sanktionspaket werde jene Wende bringen, die mit den vorangegangenen 20 Paketen nicht erreicht wurde, handelt nicht nur naiv, sondern fahrlässig. Immer neue Sanktionen ersetzen weder eine politische Strategie noch konkrete Verhandlungen über ein Ende des Kriegs", erklärte Harald Vilimsky, freiheitlicher Delegationsleiter im Europäischen Parlament, laut Aussendung. Seit Jahren fordere die FPÖ ein Ende der gescheiterten Sanktionspolitik und einen grundlegenden Kurswechsel hin zu ernsthaften diplomatischen Bemühungen.
"Die Einigung auf das neue Sanktionspaket sendet ein wichtiges Signal europäischer Geschlossenheit gegenüber Putins Angriffskrieg", sagte die Europa- und Außenpolitiksprecherin der Grünen, Meri Disoski. Österreich müsse daraus die richtige Lehre ziehen: "Unternehmensinteressen dürfen niemals über Europas Sicherheit und die gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik gestellt werden", so Disoski.
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