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'Wir sind sicher ein geeigneter Übernahmekandidat'

Börse-Express: Wie bekommt austriamicrosystems (AMS) die internationale Finanzkrise zu spüren? In welchen Bereichen spürt AMS den Rückgang besonders?
Moritz Gmeiner: Die Ergebnisse für 2008 sind eindeutig schlechter ausgefallen. Insbesondere bemerken wir den Rückgang in der Automotive-Industrie, bei der industriellen Elektronik und der Mobiltelefonie. Ein Bereich der weiterhin robust ist, ist die Medizintechnik. Unsere derzeitige Liquidität ist gering, die weitere Entwicklung ist schwer abzuschätzen.

BE: Die Umsatzentwicklung von AMS für das Gesamtjahr wurde durch den Wirtschaftsabschwung erheblich beeinträchtigt. Wie sind ihre Umsatz- und Ergebniserwartungen für 2009?
Gmeiner: Wir haben keine Schätzungen, weil derzeit keine verlässlichen Informationen verfügbar sind. Im 1. Quartal und Halbjahr werden wir einen Verlust aufs Ebit haben, die Höhe ist aber nicht bekannt.

BE: Welche Kosteneinsparungen planen Sie?
Gmeiner: Wir haben bereits im 4. Quartal rasch reagiert als wir einen Rückgang in den Bestellungen bemerkten. Die umgesetzten Kosteneinsparungen bezogen sich auf Einsparungen bei den operativen Kosten, den externen Leistungen und Reisen. Wir werden beobachten, wie es sich weiter entwickelt, derzeit ist die Situation sehr unklar, es besteht aber die Möglichkeit, dass sie sich noch weiter verschlechtert. Wir machen aber erste Spekulationen, ob eine besserer Nachfragelage im Bereich der Halbleiter im Laufe des Jahres kommt. Sollten aber negative Entwicklungen kommen, werden wir weitere Kosten einsparen müssen.

BE: Sie haben Ende letzten Jahres 60 Mitarbeiter zur Kündigung angemeldet. Ist ein weiterer Personalabbau geplant?
Gmeiner: In Österreich wurden knapp 50 Mitarbeiter entlassen. Wir haben die Strategie verfolgt, dass wir gesagt haben, wir müssen leider etwas machen, aber wir wollen das nicht scheibchenweise tun, sondern es zügig bis Ende des Jahres (2008) umsetzten, um auch durch 2009 steuern zu können.

BE: Welche Auswirkungen auf die Dividende wird die derzeitige Situation haben? Gmeiner: Wir wollen das Ziel einer langfristigen Orientierung immer verfolgen. Letztes Jahr haben wir das noch nicht getan, da wäre es noch verfrüht gewesen, aber ab diesem Jahr wollen wir es tun. Wichtig ist eine konsequente, nachvollziehbare Herangehensweise, in diesem Fall eine Ausschüttung von 25% vom Nettoergebnis, also eine gleich bleibende Ausschüttungsquote. An einem positiven Ergebnis wird der Aktionär natürlich dementsprechend beteiligt. Wichtig ist es, eine ausgeglichene Balance zu halten zwischen den fürs Unternehmen verfügbaren Mitteln, dem Cashflow und den Ausgaben an Aktionäre. In der Halbleiterbranche ist es üblich, eine Dividende auszuschütten, die Mitbewerber tun das auch.

BE: Bemerken sie in der Finanzierung Probleme, wie sie von vielen Unternehmen berichtet werden?
Gmeiner: Nein, wir haben ein ganzes Netzwerk von Banken mit zugesagten Linien, die teilweise noch ausständig sind, wir können sie aber problemlos zahlen. Wir haben in der Vergangenheit keine Probleme gehabt, auch für die Zukunft sind keine Probleme in Sicht.

BE: Welche partnerschaftlichen Grossprojekte sind derzeit geplant bzw. am Laufen?
Gmeiner: Wir arbeiten derzeit an einem Grossprojekt gemeinsam mit IBM. Das Projekt wird Ende dieses Jahres fertiggestellt. Wir haben fünf Mio. Euro investiert, über Lizenzierung an IBM wird das ein grosser Erfolg für uns. Es handelt sich hierbei um einen Prozess für zukünftige Produktgenerationen im Bereich der Hochvoltanwendungen, wie das Beleuchtungsmanagement bei LCD Bildschirmen. Für diese Produkte sind zum Grossteil noch Entwicklungsprojekte in Gang.

BE: Welche innovativen Produkte sind gerade in der Entwicklungspipeline? Gmeiner: Wir haben derzeit innovative Produkte für verschiedene Anwendungsbereiche in der Entwicklung. Zu nennen wären hier magnetische Positionssensoren, welche neue Anwendungen für industrielle Joysticks bieten, sowie andere Bedienelemente für mobile Geräte und Beleuchtungsmanagement in mobilen Geräten wie zum Beispiel Handys und Blitzlicht. Zu nennen sind auch modernste Hintergrundbeleuchtungstechnologien von LCD Bildschirmen. Unsere Innovationen sind vom Kommunikationsbereich bis zur Industrieelektronik breit verteilt.

BE: Wie lang dauert die Entwicklung von ihren Produkten durchschnittlich? Ab wann rentiert sich so eine Investition?
Gmeiner: Die Entwicklungsdauer ist abhängig davon, ob es sich um eine Plattform oder um ein Derivat handelt, also ob es um ein neues Produkt oder um ein Produkt, das auf einem alten aufbaut, geht. Sie dauert zwischen sechs und 18 Monaten, meistens zwischen zwölf und 15 Monaten. Dass sich das entwickelte Produkt rentiert, ist abhängig von der Markteinführung. Die Umsatzerwartung ist in jedem Markt sehr unterschiedlich, dafür läuft es dann oft zehn Jahre und geht schnell ins Volumen. Wir arbeiten während des ganzen Entwicklungsprozesses eng mit unseren Abnehmern zusammen. Jedes Produkt muss einen Abnehmer haben, wir entwickeln das nicht einfach auf unsere Idee hin, sondern es muss vorher wen geben, der uns sagt, er würde das Produkt verwenden wenn wir es nach bestimmten Spezifikationen fertigen. So können wir uns sicher sein, dass es nicht an den Anforderungen des Marktes vorbei geht, sondern dass die Produktanforderungen mit dem Kunden abgestimmt sind. Wie gesagt, die Zusammenarbeit ist sehr eng, auch bei Standardprodukten. Besonders langfristige ist die Zusammenarbeit z.B. im Bereich der Medizin, wo sie zwischen fünf und zehn Jahren liegt. Wir stimmen uns auch mit unseren Kunden im Telekommunikationsbereich wie Nokia und Sony Ericsson gut ab, um herauszufinden, was das Produkt überhaupt können muss.

BE: AMS ist stark in Asien vertreten. Welche Besonderheiten des Marktes liegen hier vor (insbesondere hinsichtlich Mitbewerber und Patentrechtsverletzung)? Gmeiner: Asien ist einer der grossen Märkte für unsere analogen Halbleiterprodukte. Die Konkurrenz ist in diesem Markt genauso wie in den USA und Europa- sie besteht nämlich hauptsächlich aus US Wettbewerbern und wenig lokalen Anbietern, es gibt aber einige taiwanische Mitbewerber. Bezüglich Patentrechtsverletzung ist uns bisher nichts Spezielles aufgefallen. Wir machen unsere Testproduktion in Asien auf den Philippinen, weil wir so unsere Lieferkette optimieren können. Normalerweise senden Firmen in unserer Branche die Produkte dann wieder zum Testen zurück nach Europa und liefern sie dann wieder nach Asien aus, daher ist es effizienter wenn man die Testproduktion auch gleich vor Ort macht. Asien bietet für uns Vorteile in der Logistik und bei arbeitsintensiven Vorgängen bieten sich ganz klar Kostenvorteile. Ein weiterer Pluspunkt ist die Tatsache, dass es sich bei den Philippinen um ein Dollar bezogenes Land handelt, das heisst die Kosten fallen in Dollar an.

BE: Welche Expansionen plant AMS derzeit?
Gmeiner: Wir expandieren in bestimmten Fokussegmenten in denen wir uns auf die Produktseite konzentrieren. So haben wir in Spanien, Valencia, ein neues Designcenter aufgebaut, da dort lokale Kräfte und Universitätskooperationen vorhanden sind. In Valencia ist ein Ökosystem von Technologie- und Halbleiterfirmen vorhanden, wodurch sich eine besondere Nähe zum Markt ergibt. Im Bereich Solaranlagen haben wir begonnen, Produkte, die den Strom konditionieren und steuern bevor er ins Netz eingespeist wird, zu entwickeln.

BE: Goldman Sachs meint, AMS sei ein attraktiver Übernahmekandidat für einen grossen US- Halbleiterkonzern. Was sagen Sie dazu?
Gmeiner: Von der Technologie her und auch aus anderen Gründen sind wir sicher ein geeigneter Übernahmekandidat. Die grossen Konzerne können gerne kommen und mit uns sprechen, wir sind immer offen. Das ist aber nicht das übliche Verfahren, so etwas kommt relativ selten in der analogen Halbleiterwelt vor, im Gegensatz zur Digitalen. In unserem Bereich gibt es spezielle Risiken und Anforderungen. So muss man die Ingenieure halten und auf die Technologie eingeschwungen sein. Die Produkte müssen auf die Herstellungstechnologie eingerichtete sein, die können nicht einfach in einem anderen Werk produziert werden. Das ist ein langer Prozess. Unser Unternehmen ist zwar so niedrig bewertet, aber der strategische Sinn hat sich ja nicht geändert. Wenn es für ein Unternehmen strategisch das Beste wäre, dann wären sie auch vorher schon an uns herangetreten. Unsere Branche ist überschaubar, wir kennen die Marktteilnehmer. Wegen der Krise ist ja nicht die ganze Welt anders geworden. Ich glaube, die meisten Unternehmen sind jetzt damit beschäftigt ihr eigenes Geschäft zu managen. Durch die Umsatzrückgänge hat jeder vorrangige, eigene Probleme.

BE: Halten Sie Ausschau nach Partnern bzw. Investoren? Planen Sie selbst die Übernahme von Unternehmen?
Gmeiner: Wir planen keine Übernahme von Unternehmen, denn wir haben keine Strategie, die auf Akquisition aufbaut, sondern wir wollen aus unserem eigenen Geschäft heraus wachsen. Wir werden eventuell restrukturieren, so haben wir im Vertrieb in Asien gute Leute aus renommierten Firmen bekommen. Es ist eine harte Zeit, das wird auch noch lange so bleiben. Ich könnte nicht sagen: Das ist jetzt die Kurve. Aber man muss das vergleichen mit dem bereits geleisteten Aufbau der letzten vier bis fünf Jahre, mit dem positiven Kundenfeedback und unserer Innovationskraft. Wir verfügen über eine hervorragende Kundenbasis, das nötige Know-how und wir sind kostenseitig attraktiv aufgestellt, weshalb wir überzeugt sind, dass wir die Krise durchstehen und uns organisch entwickeln. Natürlich beobachten wir den Markt auch. Es wird einige geben, die in grosse Probleme laufen, die kündigen ja jetzt schon Restrukturierungsmassnahmen an. Wenn wir die Möglichkeit haben, das auszunutzen, werden wir das tun.

BE: Was zeichnet AMS im Vergleich zu Mitbewerbern aus?
Gmeiner: Kunden berichten uns, sie hätten mit anderen Unternehmen Probleme damit gehabt, dass Teams verkleinert und Projekttermine nicht eingehalten werden. Wir bekommen Lob von wichtigen Kunden weil wir gesetzte Termine einhalten und verlässlich sind. Unsere Kunden wissen, dass wir weltklasse Technologien und Produkte, z.B. auf dem Gebiet des Beleuchtungsmanagements, anbieten. Wir sehen daher die Chance bereits jetzt oder wenn sich die Krise legt unsere Position am Markt zu verstärken.

BE: Wie ist der derzeitige Stand der Patentrechtsverletzungsklage gegen Melexis?
Gmeiner: Die Klage ist zugestellt und ein erster Erörterungstermin ist anberaumt. Melexis hat verlautbaren lassen, dass sie die Lage anders einschätzt als wir, wir sind aber überzeugt von unserer starken Rechtsposition. Sonst hätten wir dieses Rechtsmittel nicht ergriffen. Wir müssen unser geistiges Eigentum schützen und den Aufwand, den wir reingesteckt haben. Wir können nicht einem direkten Konkurrenten erlauben, dass er auf unsere Technologie zugreift.

Interview: Katharina Spiegl

Relevante Links: ams-OSRAM AG